Warum fordern die größten KI-Unternehmen eine Verlangsamung der Entwicklung künstlicher Intelligenz?

Vier Nutzer haben führende KI-Unternehmen verklagt und behaupten, dass hinter den Forderungen nach einer langsameren Entwicklung mehr stecke als nur die Sorge um die Sicherheit.

Am 18. September 2026 reichten vier US-amerikanische Abonnenten von ChatGPT, Claude, Gemini und Grok eine Sammelklage gegen die Unternehmen ein, die diese Systeme entwickeln. Sie werfen ihnen vor, sich darauf verständigt zu haben, die weitere Entwicklung ihrer Modelle zu verlangsamen und damit gegen US-amerikanisches Kartellrecht zu verstoßen.

Die Klage ist ungewöhnlich, weil sich die Nutzer weder über höhere Preise noch über einen schlechteren Service oder irreführende Werbung beschweren. Sie argumentieren, dass die von ihnen bezahlten Dienste schneller weiterentwickelt würden, wenn die Unternehmen weiterhin miteinander konkurrieren würden, ohne sich auf eine Begrenzung der Entwicklung zu einigen.

Sie fordern Schadensersatz sowie eine gerichtliche Untersagung von Vereinbarungen, die die Entwicklung und Veröffentlichung neuer Modelle einschränken würden.

Bislang gibt es jedoch keinen Beweis dafür, dass eine solche Vereinbarung tatsächlich existiert hat. Das Gericht muss zunächst klären, ob die Unternehmen ihre Geschäftspläne tatsächlich miteinander abgestimmt haben und ob dies zu einer Verlangsamung der Produktentwicklung geführt hat.

Warum will kein Unternehmen als Erstes langsamer werden?

Auslöser der Klage war ein Artikel des Anthropic-Chefs Dario Amodei mit dem Titel „We Must Pace the Frontier“, der am 12. September veröffentlicht wurde.

Amodei forderte die führenden KI-Entwickler auf, die Entwicklung der leistungsfähigsten Systeme zu verlangsamen, damit ausreichend Zeit für gründlichere Tests bleibt, bevor diese Systeme einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Er schlug vor, unabhängige Experten in die Sicherheitsprüfungen einzubeziehen, gemeinsame Beschränkungen für Unternehmen einzuführen und später eine internationale Vereinbarung zu treffen.

Seinen Vorschlag unterstützten OpenAI-Chef Sam Altman, Elon Musk und der Chef von Google DeepMind, Demis Hassabis.

Ihre öffentliche Unterstützung ist für sich genommen kein Beweis für eine Vereinbarung. Die Kläger behaupten jedoch, dass Vertreter von Anthropic, OpenAI und Google bereits seit Juli an einer gemeinsamen Arbeitsgruppe beteiligt gewesen seien und über eine Verlangsamung der Entwicklung gesprochen hätten, bevor Amodei seinen öffentlichen Aufruf veröffentlichte.

Das Problem für jedes Unternehmen, das eigenständig beschließt, die Entwicklung zu verlangsamen, ist einfach: Die Konkurrenz muss diesen Schritt nicht ebenfalls gehen.

Während ein Unternehmen länger an der Prüfung eines neuen Modells arbeitet, könnte ein anderes Unternehmen zuerst ein leistungsfähigeres Produkt auf den Markt bringen und dadurch Nutzer gewinnen.

Das ist besonders relevant in einer Branche, die enorme Investitionen in Chips, Rechenzentren, Stromversorgung und hochqualifizierte Fachkräfte erfordert.

Sicherheit oder Schutz der Marktposition?

Die Kläger sehen an dieser Stelle ein weiteres mögliches Motiv der großen KI-Unternehmen.

OpenAI, Anthropic, Google und andere führende Unternehmen verfügen bereits über bekannte Produkte, eine große Zahl von Nutzern und eine Recheninfrastruktur, deren Aufbau äußerst teuer ist.

Wenn sich alle großen Akteure auf ein langsameres Entwicklungstempo einigen würden, könnten die etablierten Unternehmen ihren Wettbewerbsvorteil länger bewahren, argumentieren die Kläger.

Neue Vorschriften und kostspielige Sicherheitsprüfungen könnten gleichzeitig eine deutlich größere Belastung für kleinere Unternehmen darstellen.

Ein großer Konzern kann zusätzliche Experten, unabhängige Tests und Rechtsteams finanzieren. Für ein junges Unternehmen könnten dieselben Anforderungen Kosten verursachen, die nur schwer zu bewältigen sind.

Die Frage lautet daher nicht nur, ob die Entwicklung künstlicher Intelligenz verlangsamt werden sollte, sondern auch, wer die Regeln festlegt und ob diese große Unternehmen und kleinere Wettbewerber gleichermaßen treffen würden.

Was müssen die Kläger beweisen?

Für einen Erfolg der Klage reicht es nicht aus zu zeigen, dass die Chefs mehrerer Unternehmen öffentlich dieselbe Idee unterstützt haben.

Die Kläger müssen nachweisen, dass die Unternehmen ihre geschäftlichen Entscheidungen tatsächlich miteinander abgestimmt haben. Interne E-Mails, Protokolle von Treffen, Zeugenaussagen oder andere Dokumente könnten Aufschluss darüber geben, was tatsächlich besprochen oder vereinbart wurde.

Auch Amodei selbst wies auf mögliche Probleme mit dem Kartellrecht hin. Deshalb schlug er vor, dass die US-Regierung bei solchen Gesprächen vermitteln oder der Gesetzgeber Unternehmen eine bestimmte Form der Zusammenarbeit ausdrücklich erlauben könnte.

Selbst wenn die Kläger eine Vereinbarung nachweisen könnten, müssten sie außerdem darlegen, dass ihnen dadurch ein konkreter Schaden entstanden ist.

Ein Abonnement eines bestehenden KI-Dienstes garantiert schließlich weder die Veröffentlichung einer neuen Modellversion zu einem bestimmten Zeitpunkt noch konkrete Verbesserungen.

Die Kläger müssten daher nachweisen, dass die Unternehmen ohne die mutmaßliche Vereinbarung neue Modelle früher veröffentlicht hätten und dass die Nutzer für denselben Preis einen besseren Service erhalten hätten.

Dürfen Wettbewerber aus Sicherheitsgründen zusammenarbeiten?

Nicht jede Form der Zusammenarbeit zwischen Wettbewerbern ist automatisch verboten.

Unternehmen derselben Branche können gemeinsam technische Standards entwickeln, Informationen über mögliche Risiken austauschen und versuchen, Probleme zu lösen, die sich allein nur schwer bewältigen lassen.

KI-Unternehmen könnten daher argumentieren, dass eine mögliche Zusammenarbeit nicht darauf abzielt, den Wettbewerb einzuschränken, sondern die Risiken unzureichend getesteter Systeme zu reduzieren.

Neue KI-Modelle können zunehmend selbstständig Programmcode schreiben und ausführen, digitale Werkzeuge nutzen und komplexe Aufgaben erledigen. Dadurch wird die Frage, wie solche Systeme getestet werden sollten, immer wichtiger.

Gleichzeitig haben die Unternehmen, die die Technologie am besten kennen, auch ein wirtschaftliches Interesse daran, ihre Produkte, Nutzer und Marktposition zu schützen.

Genau deshalb wirft der Streit eine Frage auf, die über die Klage hinausgeht: Wer sollte die Grenzen der Entwicklung künstlicher Intelligenz festlegen und unter welchen Bedingungen?

Sollten gemeinsame Regeln eingeführt werden, könnte ihre konkrete Ausgestaltung nicht nur die Sicherheit von KI-Systemen beeinflussen, sondern auch darüber entscheiden, wer künftig die leistungsfähigsten Modelle entwickeln kann und wie viel Raum auf dem Markt für neue Wettbewerber bleibt.

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